Japan-Tagebuch 19.12.2018

19.12.2018

Es ist gekommen, wie es kommen musste. Als ich meinen letzten Eintrag hier beendet habe, habe ich Nina, meiner Liebe, eine Nachricht geschrieben: „Wie geht´s dir? Ich vermisse dich manchmal sehr. Es ist komisch, jeden Monat scheine ich ein anderer Mensch zu sein.“ Am nächsten Tag antwortete sie und im folgenden Chat verriet sie mir, was ich aus irgendeinem Grund bereits befürchtet hatte. Sie hat jemanden kennengelernt.


Dieser eine Satz reichte aus, um mich in ein tiefes Loch zu stoßen, das ich selbst gegraben habe. Ich befürchte, ich befinde mich noch immer im freien Fall, denn seitdem kann ich weder normal essen noch schlafen oder denken. Nach einigen verzweifelten und zu viel zu langen Chat-Nachrichten, wie man sie von verliebten Teenagern kennt, gab ich schließlich auf. Wir einigten uns darauf, erst einmal Funkstille zu halten. Doch wie das so ist, habe ich diese Stille nicht ertragen und begann wieder zu schreiben. Doch ich schrieb nicht ihr, ich schrieb für sie. Ich schrieb für sie eine Art Tagebuch, in dem ich von meinem Herzschmerz geleitet, alles niederschrieb, was mir gerade in den Sinn kam. Ich schrieb alles, von dem ich sie wissen lassen wollte, in der törichten Hoffnung, sie damit zurückzugewinnen.

In zwei Tagen schrieb ich wie von Sinnen mit Kuli in mein Heft. Allein am ersten Tag schrieb ich sieben Seiten. Am zweiten Tag folgten sechs. Mein Leiden war mir unerträglich geworden und am zweiten Tag bat ich sie um ein erlösendes Gespräch. Wir redeten eine halbe Stunde miteinander, sie war gerade mit der Bahn unterwegs, ich in meinem Zimmer. Ich redete und redete und versuchte sie verstehen zu lassen, dass ich nun begriffen habe, dass ich sie liebe und sie zurück will.

Es macht mich schwach, darüber zu schreiben oder nachzudenken. Der bloße Gedanke reicht aus und meine Hände werden zittrig, meine Knie schwach. Von allen Personen, die mir lieb und teuer sind, habe ich wohl kaum eine mehr vernachlässigt als sie. Vor allem gemessen an ihrer Bedeutung. Meine große Liebe Nina, die ich in der Ferne als mein größtes Glück erkannt und zugleich verloren habe. Insgesamt habe ich nun etwa 13 Seiten wie im Wahn geschrieben. Diese will ich hier kommentarlos einfügen, wenn ich die Kraft und Zeit aufbringe, diese Seiten abzutippen. So bitte ich dich, verehrter Leser, diese Zeilen mit gütigen Augen zu betrachten. Es sind die Worte eines verliebten Narren, der sich nicht besser zu helfen wusste. Es ist ein ziemlich emotionaler Striptease, wie das ganze Tagebuch, doch noch wesentlich wirrer. Ich denke, ich bin bereit, mich dir zu entblößen. Ich liebe gute Geschichten und wollte schon immer Autor einer solchen sein. Nun ist es so, dass das Leben die besten Geschichten schreibt. Das trifft sich gut, denn ich bin kein guter Roman-Schreiber. Ich schreibe quasi nur vom Leben ab. Drum saß ich hier und schrieb, drum sitzt du dort und liest. In Liebe, dein Autor.

Alles entstand an einem einzigen, langen Tag. Absätze, sind stellvertretend für eine Schreibpause von ein paar Minuten bis hin zu einigen Stunden. Oft überkam mich das Bedürfnis zu schreiben ganz plötzlich, so dass ich mich am Rand der Straße auf eine Treppe kauerte und meine zittrige Hand den Stift führte:

2018.12.17

- Hallo, der Lukas aus der Zukunft, wieder einmal. Ich kann diesen Teil einfach nicht unkommentiert lassen. Ich muss dem Leser mitteilen, dass mir sehr wohl bewusst ist, was für ein ekelhafter, manipulativer Charakter in diesen Zeilen steckt. Für mich zeigt es, wie sehr eingenommen ich von den ganzen ekelhaften Gefühlen war, die einen heimsuchen, wenn man leidet. An dieser Stelle könnte man sehr gut Meister Yoda zitieren. Trotzdem denke ich, ist es wichtig, alles unverändert niederzuschreiben. Das Cringe-Buffet ist eröffnet, ich wünsche guten Appetit. –


Brief an Nina

Unser langes Gespräch am Handy ist einen Tag her, doch ich fühle mich immer noch, als sei es gerade eben gewesen. Meine Beine sind aus Gummi, meine Hände zittern und mein Magen macht mir Probleme. Ich will nichts essen und habe keinen Appetit. Das alles nur wegen eines Satzes von dir. Wie viele schöne Gefühle doch nur ein Kuss von dir auslösen würde. Lippen, so zart wie Blütenblätter. Wenn ich Blumen sehe und an ihnen rieche, sie mit meinen Lippen fühle, denke ich immerzu an dich. Und es macht mich nicht traurig, im Gegenteil! Es erfüllt mich mit Glück und Freude. Freude darüber, dich gekannt, geküsst und geliebt zu haben. Traurig werde ich nur, wenn ich an das verlorene Glück denke, das ich durch meine jugendliche Unwissenheit (über mich selbst) an jemand andern verschenkt habe.


Doch dieser Brief soll nicht länger von Trauer erzählen. Es ist ein Liebesbrief an dich, meine liebe, liebe Nina. Und Liebe soll etwas Schönes sein. Seit wir uns getrennt haben, sind erst zwei Monate vergangen und du hast schon einen Ersatz für mich gefunden. Das schmerzt sehr. Du scheinst Menschen schnell in dein Herz schließen zu können. Ich meine das nicht negativ. Sich schnell in jemanden verlieben zu können ist eine Gabe, die man nicht überstrapazieren sollte. Eine Gabe, über die ich nicht verfüge. Ich brauche dafür anscheinend Zeit, viel Zeit. Ganz offensichtlich brauche ich dafür zu viel Zeit.



Dein Herz ist wie eine wundervolle Orchidee, die das ganze Jahr lang blüht und alles mit Herzlichkeit und Freude erfüllt. Mein Herz blieb oft verschlossen. Es öffnet sich nur noch langsam wie eine Knospe im Schatten des Waldes. Doch diese Knospe wird sich nicht mehr schließen. Was für ein Scheiß. Ich habe gepokert und verloren, mit hohem Einsatz. Es gab wirklich Augenblicke, in denen ich kurz geglaubt habe „Ich liebe dieses Mädchen.“ Oft kamen diese Augenblicke, wenn ich im Auto hinter dir saß und deine Hand gehalten oder wenn ich dich beim Schlafen beobachtet habe und deine Wange streichelte. Es zerreißt mir das Herz oder was davon noch übrig ist. Jetzt, wo ich erkenne, dass diese Augenblicke die Wahrheit und nicht die Ausnahme waren.

Hier auf dieser einsamen Insel im Pazifik lerne ich mich selbst immer besser kennen, doch es gefällt mir nicht. Ich habe gelernt, ich bin kein Mann, der von Frau zu Frau springen kann. Ich glaube, in der Hinsicht bin ich sogar weicher als du. Es sind die Menschen hier um mich herum, die von mir denken, ich wäre ein kleiner Frauenheld. Das haben sie mich so oft wissen lassen, dass ich selbst glaubte, dieser Mensch zu sein. Doch das bin ich nicht. Ich brauche diese schreckliche Zeit hier in Japan, um mehr über mich selbst herauszufinden. Und obwohl ich alles so meine wie ich es hier schreibe, habe ich Angst davor, was ich in acht Monaten für ein Mensch sein werde. Mit dir habe ich eine der wenigen Chancen auf Glück verspielt, die einem das Leben gibt. Als ich damals sagte, dass ich der Vater deiner Kinder sein möchte, meinte ich das auch so.


Jeden Abend, wenn ich meine täglichen Liegestütze gemacht habe, habe ich immer eine mehr als nötig gemacht. Bei dieser letzten Bewegung habe ich immer versucht mich zu konzentrieren um mit voller Hingabe den Boden sanft zu küssen. Bei diesem Kuss habe ich die letzten zwei Jahre immer an dich gedacht. Das hat die Übung am leichtesten gemacht. Jetzt habe ich keine Lust mehr auf Liegestütze.

Ich hoffe, in den folgenden Tagen bin ich dazu in der Lage, dir einen erfreulicheren Brief zu schreiben. Einen Brief mit ordentlicher Handschrift, den man auch lesen kann.
Ich plane einen Liebesbrief. Jetzt, wo ich genug Herzblut vergossen habe, sehe ich mich dazu in der Lage. Ich will dich zurück, Nina, und es tut mir leid, deinen Frieden zu stören, doch bevor ich wieder ruhig schlafen, essen und trinken kann, muss ich alles versucht haben!
Ich habe dich verletzt, ich habe dir sehr weh getan, das ist mir klar. Doch bitte glaub mir, wenn ich dir sage, dass diese zerstörerische Kraft mich selbst auch nicht verschont hat.
Ich bin wie von Sinnen. Ich muss zur Besinnung kommen. Diese, meine Hand schreibt die Worte eines verliebten Wahnsinnigen. Es wäre dumm, dir diesen Wahnsinn gedankenlos zuzumuten. Ich werde Zeit vergehen lassen, bis du diese Zeilen (hoffentlich) liest. So werden meine Gedanken und Gefühle klarer und der Nebel der schwermütigen Gefühle lüftet sich. Ich werde dir, liebe Nina, ein kleines Tagebuch widmen. So habe ich es vor circa acht Jahren mit Karin auch gemacht. Entschuldige, aber die Ehrlichkeit verlangt von mir, dir das zu sagen. Damals hatte Karin kurz auf meine dutzende Seiten geantwortet und dann nicht mehr von sich hören lassen. Doch du bist nicht Karin und ich bin nicht mehr 17. Ich glaube, nur so kann ich mit der ganzen Situation umgehen lernen. Ich bin gespannt, ob ich dir diese Zeilen einmal wirklich schicken werde, sie sind kümmerliche Teile meines Herzens. Wenn du diese Seiten erhältst, kommt zusammen, was zusammengehört. Egal was passiert, du wirst nicht in meinem Herzen sein, du bist vielmehr ein Teil davon!
Man könnte sagen, hier in der Ferne habe ich mich selbst gefunden und dich verloren. Was für eine Ironie, welch ein schlechter Tausch. Schon fast wieder lustig, wenn es nicht so tragisch wäre.
Kleine Anmerkung am Rand: Diese Schriften entstehen teilweise im Verlauf des ganzen Tages. Gerade bin ich zum Beispiel im Klassenraum. Es ist 12:58 Uhr und ich habe keine Hausaufgaben gemacht. Ein größerer Absatz ist stellvertretend für die Zeit, die dazwischen liegt.
Ich fühle mich dir näher, wenn ich hier reinschreibe. Hier reinzuschreiben ist das einzige, was mich davon abhält, dir direkt zu schreiben und in deinem Ansehen noch mehr zu sinken. Wenn dieser Albtraum hier nächsten Sommer vorbei ist, wie soll ich durch die Straßen von Frankfurt laufen, ohne bei jedem Schritt daran zu denken, wo wir überall Hand in Hand gewesen sind. Ich befinde mich gerade ohne Zweifel in einem Zustand der Verwirrung. Mit den Augen eines Verliebten bin ich kurzsichtig geworden. Ich sehe nicht die Zeit, die noch vor mir liegt. Ich sehe nur dich und meine Fehler. Am liebsten würde ich mich blenden. Es ist gut, dass ich hier schreibe. Ich werde in einiger Zeit diese Zeilen lesen und froh sein, dass ich sie noch nicht verschickt habe. Wie ich dann fühle, wird dich der „Zukunft Lukas“ sicher wissen lassen. Doch dieser Lukas hier meint alles so, wie er es schreibt und er kann nicht aufhören zu schreiben, weil er sonst befürchtet von innen nach außen zu verbrennen, vor Wut, Hass, Trauer, Leid und Liebe.
Ich bin selbst gespannt, ob meine starken Gefühle, die keine Linderung kennen, daher rühren, dass du auf einmal unerreichbar geworden bist. Du weißt schon, das alte Lied... was unerreichbar ist, wird interessant. Ich bin mir sicher, du hast auch schon daran denken müssen. Ich glaube auch, dass dieses alte „Gesetz“ auch hier Gültigkeit hat. Doch genauso sicher bin ich mir über meine aufrichtigen Gefühle, die mir bereits deutlich wurden, noch bevor du mir gesagt hast, dass du jemand anderen hast.
Ich will jetzt mein Handy schnappen und dir schreiben! Ich spüre, dass es noch nicht zu spät ist! Doch meine Worte haben nur wenig Wert. Es sind die Worte eines Verrückten. Eines Verrückten, der verrückt nach dir ist. Was kann ich denn schon machen? Du bist dort und ich bin hier. Verrückt... letzte Woche, als sich Flo mit seiner Freundin verlobt hatte, wollte ich das Gleiche mit dir tun. Wäre ich vor Japan so „klug“ gewesen wie jetzt, hätte ich dir einen wunderschönen Silberring an den Finger gesteckt, bevor ich mich selbst auf diese verfluchten Insel in die Verbannung geschickt habe. Wenn man wirklich aus Fehlern lernt, sollte ich nach diesem Jahr der klügste Mensch der Welt sein.


Ich denke, es ist klug, mit meinen angestauten Gefühlen zu warten und dich nicht sofort am Handy damit zu überfluten. Wie es aussieht, überflute ich dich lieber in einem Brief. Die Zeit, in der diese Schriften entstehen, geben mir auch selbst Zeit, tiefer über meine Gefühle nachzudenken. So weißt du, dass meine Gefühle aufrichtig wie ehrlich sind.

Wie bei launischem Wetter ziehen auch bei mir heute Wolken so schnell auf, wie sie verschwinden. Gerade hat der ekelhafte Geist der Eifersucht mein Herz wieder erfasst. Er pflanzt hässliche Saat in meinen Gehirn, die ich nicht wachsen lassen darf. Drum will ich mich dieser Saat hier entledigen.


Wie kann es sein, dass du nach zwei Monaten schon jemanden gefunden hast, der für dich bedeutet, was ich in zwei Jahren nicht geschafft habe?! Es ist nicht fair, dir diese Frage zu stellen, ohne auf deine Antwort zu warten. Ich fühle, wie sich Eifersucht und Neid durch meine Rippen frisst und in Richtung Herz bohrt. Diese Gefühle machen mich hässlich und schlecht. Ich fühle mich wie der Bösewicht in einer Geschichte.


Auch ich habe ein Mädchen getroffen, nachdem es mit uns vorbei war. Doch als ich sie kennenlernte, war mir beim ersten Augenblick klar, dass sie niemals an dich herankommen wird. Ich hatte auch keine Lust auf eine andere Beziehung. Ich war nur sehr einsam und brauchte Nähe. Dieses Gefühl kennst du sicher besser als ich. In Deutschland hast du bei deinem Japaner, vor mir, nichts anderes gesucht. Ich befürchte, es werden noch viele Jahre vergehen, wenn überhaupt, bis ich ein Mädchen mit deiner Wärme und unschuldigem Gewissen finde. Was mache ich mir vor?

Ein Mädchen wie dich finde ich nie wieder. Ich werde geisteskrank. Ich verliere hier noch meinen Verstand. Was ist das für eine Welt, in der ich lebe? Ich will zur Hölle fahren! - Die letzten drei Sätze waren kaum noch lesbar, und endeten in wütendem Gekritzel. Die folgenden vier Sätze sind wütend durchgestrichen worden, doch ich kann sie noch entziffern. - Die Götter amüsieren sich sicher köstlich. Sie lassen mich das Mädchen meines Lebens kennenlernen, doch verwehren mir, sie so zu lieben, wie sie es verdient hat. Dann verbannen sie mich ein Jahr auf eine Insel, pflanzen mir gefährliche Gedanken ein und geben mir die Gabe, sehen zu können. Als ich schließlich klarsehen und endlich lieben kann, wirst du mir genommen.


Ich gehe jetzt ins Gym, meinen Tempel, und werde beten, zum Eisengott. Auf dass er meinen Körper und meinen Geist stählt. Dieses verfluchte Heft möchte ich aus der Hand legen, weil ich sonst nicht aufhören kann zu schreiben, es ist kräfteraubend. Ich zerfließe und bin betäubt, als wäre ich betrunken.


Das ganze Betteln, dass du zu mir zurückkommst, ist sinnlos. Selbst wenn es funktionieren würde, du würdest es meinetwegen und nicht unseretwegen machen. Wenn du den Weg zurück zu mir findest, muss es deine eigene Entscheidung sein, so wie ich in der Ferne zu dir gefunden habe. Es klingt immer dumm und wird viel zu oft benutzt, doch es ist wahr: Wenn du etwas liebst, lass es frei. <3

18.12.2018

Liebe Nina, in diesem ganzen Wirrwarr aus Gefühlen kann ich noch nicht erkennen, ob ich einfach langsam den Verstand verliere oder ob du es bist, die mir den Verstand geraubt hat. Gerade jetzt verraten mir meine Gefühle, dass auch du jemanden verloren hast, für den du etwas ganz Besonderes bist.
Erst zwei beschissene Tage vorbei. Mir ist immer noch leicht übel, habe keinen Appetit, kann nichts Normales essen. Liebe macht krank. Ich erinnere mich an ein Seminar in Germanistik, alte deutsche Literatur. Dort ging es um Liebe oder Minne im Mittelalter. Damals wurde „verliebt sein“ wirklich als Krankheit angesehen. Man hat auch nach Rezepten dagegen gesucht, doch natürlich haben keine gewirkt. Sonst würde es mir jetzt besser gehen. Manchmal frage ich mich, wie tiefgehend deine Liebe mir gegenüber wirklich war. Nach noch nicht einmal zwei Monaten hast du jemand anderen, jemand besseren gefunden. Was sagt das über mich aus?
Du hast das getan, was ich probieren wollte, doch allem Anschein nach bist du mehr Männerheldin als ich Frauenheld. Ich erinnere mich. Ich glaube, ich kann machen, was ich will, du wirst immer mehr Erfahrung in der Liebe haben, als ich. Es ist nur schade, dass du keine Rücksicht auf mich nehmen kannst. Versteh doch bitte, dass ich die drei Jahre, welche zwischen uns liegen, irgendwie aufholen muss. Um deinen Wert erkennen zu können, musste ich dich aus der Distanz betrachten, denn an deiner Seite konnte ich deine tatsächliche Größe nicht sehen.
Oh Mann, Nina, das hier ist das Tagebuch eines Geisteskranken. Niemals kann ich dir mit gutem Gewissen diese Zeilen schicken. Es wäre vielleicht wie mit Karin damals und du wärst mir danach noch ferner als jetzt. Doch ich brauche den Gedanken, dir alles hier theoretisch schicken zu können. Kann ich daran nicht glauben, gibt mir das Schreiben nicht mehr als Agonie. Jedes Mal, wenn ich mein Handy in die Hand nehme, möchte ich dir verzweifelte Liebesnachrichten schreiben, wie ich es hier tue. Ich glaube, ich muss mich nur zusammenreißen und gedulden. Dann wird es besser. Ich beiße die Zähne zusammen!
Ich werde aus diesen Seiten hier einen Liebesbrief schreiben. Einen Liebesbrief, wie du ihn schon immer wolltest, ihn aber nie von mir bekommen hast. Ich wollte dir den Liebesbrief eigentlich erst zum Geburtstag schicken, doch ich habe das Gefühl, ich darf nicht so viel Zeit verlieren. Irgendetwas passiert gerade. Irgendetwas geht vor. Ich kann es spüren! Ich befürchte, das ist, was man „Hoffnung“ nennt.
Ich war mit Angelo unterwegs, wir haben viel geredet. Mittlerweile sind wir gute Freunde geworden. Er versteht mich und ich ihn. Wir waren spazieren, als mir auf einmal übel und das Gefühl der Schwäche und der Krampf in meinem Bauch stärker wurde. Ich war so schwach, ich musste mich setzen. Wie ein alter Mann musste ich kleine Pausen einlegen. „Irgendetwas passiert gerade“, habe ich mir gedacht. Ich wollte unbedingt wieder heim, wo ich Internet habe, um zu schauen, ob du geschrieben hast. Insgeheim hatte ich die Hoffnung, dass der ganze Albtraum endet, doch als ich heimkam und voller Verunsicherung auf mein Handy starrte, sah ich nichts. Trotzdem glaube ich nicht, dass mein Gefühl mich täuscht. Wir sind auf eine seltsame Weise verbunden. Ich habe gespürt, dass du jemand anderen hast, noch bevor du es gesagt hast. Und jetzt passiert auch irgendetwas, ich weiß es. Ich hoffe, es geht dir gut!
Jetzt sitze ich hier oben auf meinem Berg, über Osaka. Hier oben scheint die Sonne am längsten, bevor sie zuerst hinter dem Berg und dann vermutlich hinter dem Horizont verschwindet. Noch reicht das Licht zum Schreiben. Es zieht mich immer öfters hierher, an den Rand der Stadt. An Tagen wie diesen fühlt es sich an, wie der Rand der bekannten Welt. Meine Finger sind kalt. Es wird dunkel. Bald kann ich meine eigene Schrift nicht mehr lesen.
Beim Spazieren mit Angelo habe ich ihm erzählt, wie sehr ich geweint habe, als wir vor zwei Monaten Schluss gemacht haben. Damals konnte ich mich zusammenreißen, bis wir aufgelegt hatten. Dann habe ich plötzlich so sehr Rotz und Wasser geheult, dass ich mich nicht mehr auf den Beinen halten konnte. Ich bin Wort wörtlich auf alle Viere gesunken und konnte vor lauter Tränen, die von der Mitte meiner Augen auf den Boden tropften, nichts mehr sehen. Ich wusste selbst nicht, dass es so etwas wirklich gibt. Hätte ich so etwas in einem Film gesehen, wäre ich weniger überrascht gewesen. Dann hätte ich wahrscheinlich ungläubig mit den Augen gerollt und gelangweilt ausgeschaltet. Es war, als ob mir schlagartig klar wurde, was ich getan hatte.
Der Schmerz des Verlustes verrät einem manchmal mehr über die eigenen Gefühle, als das fröhliche Zusammensein, so scheint es mir. Als ich Angelo davon erzählte, meinte er: „When that isn‘t love, I don´t know what love is.“ Ich weiß, dass er recht hat. Weil ich das starke Bedürfnis dazu hatte, habe ich dir am selben Abend nach dem Gespräch mit Angelo geschrieben, dass ich dich vermisse. Mich quälte ein Gefühl „zu spät“ zu sein und tatsächlich, ich befürchte, mein Zug ist abgefahren. Am Horizont sehe ich noch die Wolken der Lok, doch die Gleise sind verschwunden und der Bahnhof ist leer.
Gestern Abend war ich wieder im Gym und habe den Boxsack geprügelt als gäbe es kein Morgen, als wäre er verantwortlich für meine Fehler. Ich war wütend auf alles, auf die Welt, doch vor allem auf mich selbst. Ich habe bis zur Erschöpfung geboxt, und wenn ich gemerkt habe, dass ich schwächer wurde, hat es mich nur noch wütender gemacht, so dass ich noch einmal alles gegeben habe. Ich habe den Boxsack mit Kicks, Schlägen, Ellenbogenchecks und Kopfnüssen bearbeitet wie ein Wahnsinniger. Ich hätte ihn noch gebissen, wenn nicht auch andere Leute dort gewesen wären. Der Schweiß strömte über mein Gesicht und vermischte sich mit Tränen, die mir über die Wangen liefen. Das war gut, denn so konnte keiner sehen, dass ich weinte.
Boxen ist etwas, das ich hier kennengelernt habe und das ich aus Japan mitnehmen will.
Denk bloß nicht, dass ich dich hier nach dem ersten Monat schon vergessen habe! Seit ich hier bin verging kein Tag, bei dem ich nicht an dich gedacht habe. Ich habe hier und dort sogar Kleinigkeiten für dich besorgt, um sie dir in einem Paket zu schicken.
Gerade eben musste ich mich daran erinnern, wie ich vor Jahren mit Minni zusammen war. Damals erzählte sie mir von Patrick, dem Jungen aus ihrer Gemeinde, der sie liebt oder es zumindest glaubte. Sie fühlte sich auch zu ihm hingezogen, war sich über ihre Gefühle aber nicht im Klaren. Ich war derjenige, der ihr sagte, dass sie lieber mit ihm als mit mir zusammen sein sollte. Das tat sie dann auch und mit uns war es aus. Gerade in dieser Zeit entwickelte ich ernstere Gefühle für sie, doch das ist Geschichte. Ich schätze, so ein gutgemeintes wie dummes Verhalten habe ich von deinem Freund nicht zu erwarten. Damals habe ich diese Entscheidung nicht getroffen, damit mir irgendwann was Gutes widerfährt. Ich wollte einfach nur das Richtige tun.
Hier wird es endgültig zu dunkel. Schrift und Schatten werden eins. Ich fürchte die Nacht. Ich habe Angst vor der Dunkelheit, wenn ich Gefühlen wie den jetzigen ausgeliefert bin. Sie wachsen mit zunehmender Dunkelheit. In der Nacht werden die schlechten Gedanken zu unerträglichen Eingebungen. Ich versuche, mein Hirn mit lauter Musik zu überfluten. Teilweise hilft es, doch kommt ein trauriger Song, bin ich wieder gefickt. Ich kann nicht aufhören, dir zu schreiben. Solange ich schreibe, fühle ich mich dir nahe. Ich esse seit zwei Tagen nichts außer Proteinregel und Calori Mate. Ich habe letztens wieder Ramen probiert und obwohl es lecker war, sagte mir mein Körper etwas anderes, habe mich fast eingekackt.

Oh Mann, als ob du wissen willst, wann ich Durchfall hatte. Bei Gelegenheit kannst du mir vielleicht schreiben und über deinen letzten Durchfall berichten. Es wird dunkel und arschkalt hier oben auf meinem Berg, am Rande der bekannten Welt.

Ein Gedanke, der mich innerlich zersetzt und Gift über mein Herz schüttet ist die Idee, dass dein Aberglaube mehr ist, als nur Aberglaube. Ich weiß, dass unsere Beziehung nach diesem koreanischen Hokuspokus-Handgelese unter einem schlechten Stern stand. Und ich weiß auch, dass diese Tatsache neben vielen anderen Gründen an unserem Leid Schuld hat. Du glaubst daran, also ist es für dich wahr. Wie gemein ist es denn, dass wir nicht miteinander glücklich sein dürfen, nur weil irgendjemand etwas gesagt oder geschrieben hat, der uns nicht kennt. Da spiele ich lieber eine Runde Russisch Roulette und lese dann die Zeichen. Der ganze Aberglaube erinnert mich an Lisa. Sie wollte damals nicht mit mir zusammen sein, weil ich ihren Glauben nicht teilte. Sie war immer traurig, weil ich zur Hölle fahren werde und sie im Himmel nicht um mich trauern kann, „denn im Himmel kann man nicht traurig sein“, sagte sie mir damals. Herzlichen Glückwunsch Lisa, ich bin in der Hölle angekommen.
Tut mir leid, es ist nicht deine Schuld. Jeder glaubt manchmal dummen Scheiß tun zu müssen. So hab ich geglaubt, Japanologie studieren zu müssen.
Ich hasse es, wenn ich hassenswert werde. Darf diese dunklen Gedanken nicht in mein Herz lassen. Es ist finsterste Nacht geworden.
Vor wenigen Seiten, oben auf dem Berg, haben mir meine Sätze noch gefallen. Jetzt merke ich, wie sie langsam wirr und unüberlegt werden. Für heute sollte ich den Stift beiseite und mich ins Bett legen.
Ich habe gerade mit dir geredet, meine Geliebte. Damit ist mir sehr geholfen. Danke!
Wenn ich dir einen Liebesbrief schicke, möge es mir dein Freund verzeihen. Doch wenn er dich auch liebt, wird er verstehen, dass ich nicht anders handeln kann. Ich schulde dir noch einen Liebesbrief.

Der Schmerz sitzt noch tief und wird dort wahrscheinlich auch eine ganze Weile bleiben. Doch meine liebe Nina ist ein Mädchen, nicht von dieser Erde. Und ganz ehrlich, so ein schlechter Kerl bin ich selbst auch nicht, fürchte ich. Mit ehrlichen Worten und ohne um den heißen Brei zu reden, hat sie mir einfühlsam gesagt, was ich verstehen muss, um bald wieder zu genesen. Sie kennt nun meine Gefühle und ich ihre.
Heute, ein Tag nach unserem Gespräch, saß ich wieder auf meinem angestammten Platz oben auf dem Berg, über den Dächern von Osaka am Rand der Stadt. Dort verschlägt es mich immer hin, wenn mein Herz schwer ist. An keinem anderen Ort in Saito-Nishi kann man die Sonne so lange sehen, wie dort oben. Dieser Ort gibt mir Kraft. Oft habe ich dort einfach nur gestanden, hörte Musik, betrachtete die Menschen und die Wolken aus der Ferne und wartete, bis die Sonne unterging. Gut und gerne stehe ich dort oft ganze zwei Stunden und es fühlt sich nie wie verschwendete Zeit an. In der Nacht wechselt die Stadt ihr Antlitz. Auf einmal scheinen Himmel und Erde vertauscht. Im Tal zwischen den Bergen funkeln dann mehr Sterne als darüber. Nur der Mond verrät einem still und leise die Wahrheit über den Himmel, der keiner ist.
Im Laufe meiner Zeit dort oben konnte ich beobachten, wie die Raben mit Einbruch der Dämmerung in Richtung Stadt flogen, über meinen Kopf hinweg. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es mit der Kälte zu tun hat, die in der Nacht die Bergen heimsucht. Die Raben wissen nun einmal den Komfort der Stadt zu schätzen. Ich frage mich nur, wo genau sie den Tag verbringen.
Es war an genau diesem Ort, wo ich heute einen Liebesbrief an Nina schrieb. Es soll der Brief sein, den sie schon immer wollte und den ich ihr noch schuldig bin. Ich weiß, einem vergebenen Mädchen einen Liebesbrief zukommen zu lassen, gehört sich nicht. Doch erstens ist das eine Regel, auf die ich gerne scheiße, schließlich geht’s hier um Nina. Und zweitens werde ich diesen Brief mit wenigen Sätzen ankündigen, die jeden Kritik wird verstummen lassen.
Eigentlich dachte ich, dass ich Wochen oder Monate brauchen werde, bis ich mit dem Brief zufrieden bin, doch ich kam besser voran, als ich dachte. Das goldene Licht der untergehenden Sonne gab mir die Kraft, die ich brauchte, um meine Gefühle in Worte zu fassen. In nur eineinhalb Stunden hatte ich etwas weniger als eine Seite gezaubert und das reicht aus, denn bei einem Liebesbrief liegt die Würze in der Kürze. Als ich den Stift niederlegt habe und mich aus dem Staub erhob, schossen mir die Tränen in die Augen. Noch nie habe ich so einen schönen Liebesbrief gelesen. Dieser Brief steht über allem, was ich für möglich gehalten habe und trotzdem habe ich diesen Brief geschrieben, mit meiner eigenen Hand und meinem Herzen. Diese Tatsache erfüllt mich mit Stolz.
Auch wenn ich immer noch leide, hat mir dieser Brief jetzt schon mehr gegeben, als ich verdient habe. Ich habe es geschafft, meine Gefühle so auf den Punkt zu bringen, dass ich mich - für den Augenblick - von dem größten Teil meines Leidens befreit sehe. Ein seltsam tolles Gefühl, das ich so noch nicht kannte. Tränen tropften von meinem Zweiwochenbart, als ich die Hände gen Sonne hob und mich einfach nur freute, dieses Leben leben zu dürfen. Ein starker Augenblick, dessen bloße Erinnerung mir Kraft gibt. Was den Liebesbrief angeht, ich will ihn nach wie vor an Ninas Geburtstag schicken. Das heißt, warten bis April, vorausgesetzt der Brief besteht den Test der Zeit und ich fühle in vier Monaten noch so über den Brief, wie ich es jetzt tue. Und nein, mein verehrter Leser, dieser Brief ist nur für die Augen meiner geliebten Nina bestimmt und sonst niemanden.
Es ist nicht so, dass ich alleine dazu in der Lage wäre, die Kraft aufzubringen, einen solchen Brief zu schreiben und solche Gefühle zu empfinden. Ich schulde Dank, meinen lieben Freunden, die ich hier gefunden habe und ohne die ich schon lange nicht mehr hier wäre.

Es war Angelo, dem ich als erstes von meinen aufkommenden Gefühlen erzählte habe und der sich die Zeit nahm mir zuzuhören. Es war Mark, mit dem ich kurz nach meinem Gespräch mit Nina ins Onsen gegangen bin. An diesem Abend haben wir uns sehr gut unterhalten. Er erinnerte mich daran, dass es noch mehr Tage als nur den nächsten gibt. Es war mit der lieben Sofie, als wir einen Tee in unserer Lieblingsbäckerei (RikuroOjisan) tranken. Durch ihre einfühlsame Frohnatur und ihr offenes Ohr entdeckte ich meinen verloren geglaubten Optimismus wieder. Abends besuchte ich Tom, der womöglich anders mit solchen Situationen umgeht, doch mit seiner Gastfreundschaft echte Einfühlsamkeit bewies. Sein Verständnis für mein Leid gab mir das Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit. Und mein lieber Freund Ronald aus der Heimat vermittelte mir heute, dass ich nichts zu befürchten habe. Er machte mir klar, nicht nur hier in Japan habe ich Freunde gefunden. Auch daheim gibt es viele alte Freunde, die es mehr als verdient hätte auch in dieser Liste genannt zu werden.

Bildergalerie

Sonnenuntergang über Osaka.